Ein Bericht vom Workshop in Berlin

Vertreter des NHG waren auf einem Workshop zur Digitalen Quellenkritik in Berlin dabei. Ein Erfahrungsbericht von Julian Schulz.

 Um den notwendigen Reflexionsprozess - bedingt durch den digital turn in den Geschichtswissenschaften - weiter voranzubringen, veranstaltete die AG Digitale Geschichtswissenschaften (VHD) einen eintägigen Workshop an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach Eröffnung und Einführung in die Thematik durch Gabriele Metzler und Thomas Meyer (beide HU Berlin) folgte eine Sektion mit mehreren Impulsvorträgen. Unter den Vortragenden befanden sich mit Jakob Frohmann (FU Berlin), Daniela Schulz (Köln) und Julian Schulz (München) drei Vertreter des Netzwerks Historische Grundwissenschaften (NHG), die die Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses in die Diskussion einbrachten.


Zum Auftakt stellte Jakob Frohmann das NHG, seine Ziele und Positionen vor: Die Diskussion über das Verhältnis von Historischen Grundwissenschaften und Digital Humanities nimmt innerhalb des Netzwerks eine große Rolle ein. Ziel müsse die Befähigung von Studierenden und Historikern in Methoden der Grundwissenschaften einerseits, in digitalen Kompetenzen andererseits sein. Dies könne jedoch nicht durch eine Verschmelzung der beiden Fächergruppen erreicht werden, sondern durch eine interdisziplinäre Kooperation.

Daniela Schulz lieferte anschließend einen Einblick in die Praxis, in dem sie anhand ihres aktuellen Forschungsvorhabens – einer digitalen Edition zu den fränkischen Kapitularien – aufzeigte, mit welchen digitalen Herausforderungen sich die quellennahe Fachwissenschaft konfrontiert sieht. Dabei verwies sie auf das Fehlen digitaler Standards, die sich in der aktuellen Diskussion allmählich erst herauszubilden scheinen. Zur Erstellung der Transkriptionen wird auf TEI-XML zurückgegriffen, eine Form der Textauszeichnung, die die meisten Projektmitarbeiter erst im Rahmen ihrer Tätigkeit erlernt haben. Eine Ausbildung in zentralen digitalen Methoden und Tools im Rahmen des universitären Curriculums wäre erstrebenswert.

Im zweiten Teil ihres Vortrags konstatierte die Referentin auch ein unzureichendes Bewusstsein im kritischen Umgang mit digital vorliegenden Quellen. Die digitale Verfügbarkeit großer Quellenbestände erfordere eine neue Form der Quellenkritik und stelle zudem die Frage nach dem „Gegenstand“, an dem jene ausgeübt wird.

Mit dem Projekt „Digitaler Campus Bayern“ stellte Julian Schulz darauf aufbauend ein konkretes Vorhaben zur Implementierung einer IT-Grundausbildung (IT for all) für Geschichtsstudierende vor. Ziel ist eine fachnahe Vermittlung grundlegender digitaler Kompetenzen für den kritischen Umgang mit digitalen oder digital vorliegenden Quellen. Ausgehend vom konkreten Forschungsgegenstand werden Grundlagen der Aufbereitung, Analyse und Visualisierung von Daten vermittelt. Hierfür ist eine interaktive Lehr- und Lernumgebung (DHVLab – Digital Humanities Virtual Laboratory) im Entstehen begriffen. Der virtuelle Desktop, auf dem eine Vielzahl an Software und Tools für die Seminarteilnehmer bereits vorinstalliert ist, kommt derzeit testweise zum Einsatz. Parallel dazu werden Manuals erarbeitet, die die Funktionsweise der vorgehaltenen Programme eingängig darstellen und ein grundsätzliches Verständnis für ihren sinnvollen Einsatz in der Geschichtswissenschaft vermitteln. Das Projekt ist ein Beispiel dafür, dass die Befähigung zu einer digitalen Quellenkritik interdisziplinär und epochenübergreifend gewährleistet werden sollte.

Die Notwendigkeit einer, auf die Bedürfnisse und Anforderungen von Geisteswissenschaftlern abgestimmte Befähigung in digitalen Kompetenzen, hob auch Stef Scagliola (Luxemburg) in ihrem Beitrag hervor. Im Fokus ihres im Aufbau befindlichen Online-Tutorials stehen der Erwerb einer gesteigerten Informationskompetenz bei der Suche und Auswahl von Webressourcen gleichermaßen wie die strukturierte Ablage von Forschungsdaten oder die Einbettung verschiedener Medientypen (jenseits von Text) in die eigene Forschungsarbeit.

Dass sich bei der Analyse von Quellen qualitative und quantitative Methoden gegenseitig nicht ausschließen, betonte Sarah Oberbichler (Innsbruck) bei der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes. Die Verbindung von Methoden des Distant- und Close-Readings stelle sich bei der Anwendung auf ein Korpus südtiroler Zeitungen im Blick auf das Thema Migration als großer Mehrwert dar.

Der Rolle der Informationsdienstleister (Archive, Bibliotheken) im digitalen Umfeld wandte sich Benedikt Rothhagen (Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts) in seinem Beitrag zu. Obwohl diesen Akteuren durch den digitalen Wandel eine gesteigerte Bedeutung zukomme, betonte der Referent einen Mangel an Einbezug ihrer Kompetenz in den fachlichen Diskurs oder den Entwurf von Projektstrategien.

Die Reihe der Impulsvorträge schloss Alina Bothe (FU Berlin) mit der Vorstellung ihrer Auswertung von Zeitzeugeninterviews mit Holocaust-Überlebenden. Die audiovisuellen Quellen der USC Shoah Foundation stehen im Visual History Archive der FU Berlin zur Verfügung und stellen mit etwa 52 000 Interviews die weltweit größte digitale Oral History-Sammlung dar. Für eine fundierte Beschäftigung mit dieser neuen Form der Medialität bedürfe es auch hier der Ausbildung einer neuen Form der digitalen Quellenkritik.

Darauf schloss sich eine Podiumsdiskussion mit namhaften Vertretern der digitalen Geisteswissenschaften an. Unter der Leitung von Annette Schuhmann (ZZF Potsdam) diskutierten Rüdiger Hohls (HU Berlin), Mareike König (DHI Paris), Eva Pfanzelter (Innsbruck) und Charlotte Schubert (Leipzig) über die Veränderungen der Wissenschaft durch die digitalen Herausforderungen und wie ihnen bestmöglich zu begegnen sei. Dabei wurde auf die zuvor in den Impulsvorträgen aufgeworfenen Fragestellungen und Anregungen eingegangen und zentrale Aspekte in der Diskussion aufgegriffen.

Nach einem Resümee von Peter Haslinger (Herder-Institut Marburg) zu den Ergebnissen des Workshops rundete ein kleiner Empfang des Clio-online e.V. anlässlich der Online-Stellung des umfangreichen „Handbuchs zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften die ergebnis- und ereignisreiche Konferenz ab.

 

Einen weiteren Beitrag zum Workshop verfasste Stef Scagliola.



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