Ein Masterplan für die Historischen Grundwissenschaften?

Der Historikertag liegt hinter uns und wir berichten euch natürlich, was sich auf unserer Sektion ergeben hat. Sowohl AHiG als auch NHG bieten kleine Einblicke in die Diskussion und mit dem Erfahrungsbericht der AHiG wollen wir starten.

 Ein Beitrag von  Andrea Stieldorf


 

Ein subjektiver Bericht über eine Podiumsveranstaltung auf dem Historikertag

 

Im Nachgang zu einer lebhaften Podiumsveranstaltung auf dem 51. Historikertag in Hamburg am 21. September 2015 kam aus dem Kreis der Diskutanten die Frage: „Haben wir jetzt einen Masterplan für die Historischen Grundwissenschaften?“ Dies mit einem kräftigen „Ja“ zu beantworten, wäre sicherlich noch zu früh, aber es ist doch eine deutliche Aufbruchsstimmung zu spüren.

Auf Initiative von Eva Schlotheuber (Düsseldorf) und Clemens Rehm (Stuttgart) hatten sich Vertreterinnen und Vertreter aus Archiven (Bettina Joergens, Detmold; Nicola Wurthmann, Wiesbaden) und Bibliotheken (Robert Giel, Berlin; Christoph Mackert, Leipzig) sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses (Stefanie Menke, Köln; Lena Vosding, Düsseldorf) und der universitären Forschung (Andrea Stieldorf, Bonn; Jürgen Wolf,  Marburg) zusammen gefunden, um ihre jeweilige Sicht auf Perspektiven für die Historischen Grundwissenschaften gerade auch in der Digitalen Welt kurz vorzustellen und dies im Anschluss mit dem Publikum zu diskutieren.

Digitalisierung als Herausforderung

Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Frage nach den Konsequenzen aus den großen Digitalisierungsprojekten für die akademische Lehre, deren Aufgabe es auch sein muss, ihre Absolventen zu befähigen, quellenkritisch mit den Digitalisaten umzugehen. Angesichts der abnehmenden Kenntnisse in den Historischen Grundwissenschaften und in den Quellensprachen ist aber zu befürchten, dass die Bestrebungen zur Sicherung und Präsentation unseren kulturellen Erbes ins Leere laufen könnten, weil es zu einer „Wikipedisierung“ unseres historischen und kulturellen Wissens kommen könnte. Auch die „hilflosen Historiker“ in den Archiven wurden in diesem Zusammenhang zu Recht thematisiert, an deren Stelle künftig „mündige Nutzer“ von Archiv-, Bibliotheks- und Museumsbeständen, unabhängig davon, ob diese vor Ort oder als Digitalisate genutzt werden, treten sollten.

Sichtbar, Lehrbar, Relevant

So setzten denn auch viele Vorschläge vom Podium und aus dem Publikum bei der Lehre an. Eine Aufgabe ist es, Standards für die Lehre festzulegen – was für Kenntnisse müssen den Studierenden konkret vermittelt werden? Darüber hinaus, und möglicherweise ist dies sogar der erste Schritt, muss die Relevanz der Grundwissenschaften deutlicher herausgearbeitet werden, um letztlich eine höhere Verbindlichkeit zu erlangen, denn derzeit sind die Historischen Grundwissenschaften, dort wo sie angeboten werden, auf Optional- und Wahlpflichtbereiche abgedrängt oder in Summer Schools ausgelagert. Ein erster Schritt zur besseren Sichtbarmachung ist die Sammlung und Präsentation der grundwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten, die das Nachwuchsnetzwerk NHG derzeit unternimmt.

Ein weiterer Schritt ist die Konzipierung weiterer grundwissenschaftlicher Studiengänge, möglicherweise auch standortübergreifend, die die AG Historische Grundwissenschaften in Angriff nehmen möchte. Trotz aller Probleme – divergierende Interessen der Studierendenschaft, Belastungen der Lehrenden auf unterschiedlichen Ebenen –, die in der Diskussion ebenso angesprochen wurden wie die Vermutung, dass wir letztlich auf umfassendere Strukturveränderungen abzielen müssen, sind diese ersten, noch kleinen Schritte wichtig, um die Historischen Grundwissenschaften wieder stärker in der Lehre zu verankern und das Bewusstsein für ihre Bedeutung als grundlegende Kompetenzen zur Quellen- und Medienkritik zu schärfen.

Die Möglichkeiten

Als hilfreich könnte sich dabei erweisen, dass die Grundwissenschaften zwar aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen organisatorisch meist an die Mittelalterliche Geschichte gekoppelt sind, aber tatsächlich epochenübergreifend bearbeitet werden müssen – auch innerhalb des Faches Geschichte wären hier verstärkte Kooperationen in Forschung und Lehre wünschenswert. Darüber hinaus sind zahlreiche Fragen der Grundwissenschaften für andere Disziplinen wie die Philologien von Belang, die hier ebenso Beiträge leisten.Um diesen Anforderungen zu begegnen und zugleich auch ein Signal zu setzen, wurde auch der Vorschlag gemacht, ein epochenübergreifendes und interdisziplinäres Handbuch zu den Historischen Grundwissenschaften zu konzipieren, in das zum Beispiel auch die bislang überwiegend im Umfeld der Archive diskutierten Fragen moderner Aktenkunde bis hin zur quellenkritischen Bewertung digital erzeugter Dokumente vorgestellt werden könnten, um diese Fragen stärker auch in universitärer Lehre und Forschung zu verankern.

Zugleich wäre ein solches Projekt ein weiteres Moment, um den Austausch zwischen Universitäten, Archiven, Bibliotheken und auch Museen zu intensivieren und vielleicht auch zu systematisieren. Die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit über die bestehenden Kooperationen hinaus zu verstärken, wurde in der Diskussion ebenfalls immer wieder angesprochen.

 Die Vertreterinnen des Nachwuchsnetzwerkes wiesen darauf hin, dass all diese Anstrengungen ins Leere laufen würden, wenn sich nicht zugleich auch die Ressourcenseite verbessern würde. Einerseits müsste mehr Personal bereit gestellt werden, um die angesprochenen Lehraufgaben bewältigen zu können, andererseits würde dies auch die Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs verbessern. Aus dem Publikum wurden diese Wünsche nachdrücklich begrüßt, aber natürlich auch auf die Problematik von Stellenwünschen in Zeiten nicht voller werdender Kassen hingewiesen. Eine Aufgabe der Lehrenden und auch des bestandserhaltenden Institutionen ist es auch, Perspektiven aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass die Beschäftigung mit den Historischen Grundwissenschaften nicht nur spannend ist, sondern Kompetenzen vermittelt, die weit über die Geschichtswissenschaften hinaus von Relevanz sind.

Dieses Bewusstsein muss aber über die akademische Welt hinaus vermittelt werden und so wurde auch darauf hingewiesen, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Historischen Grundwissenschaften sich bundesweit besser abstimmen sollten – mit der AHIG ist ja ein erster Schritt in diese Richtung getan – und auch auf die Politik zugehen müssten.

 All dies deutet also daraufhin: zu den nächsten Schritten gehören weitere Vernetzungen. Dies gilt auch für die Frage, wie die Herausforderungen der digitalen Welt in die Grundwissenschaften integriert werden können. Sind z.B. „Netzwerkprofessuren“, die unterstützend auch über die eigene Universität hinaus tätig werden, ein Weg, um interdisziplinären Austausch zwischen „digitalen“ und „analogen“ Historikern zu ermöglichen?

Unabhängig davon, wie man sich zu einzelnen Aspekten stellt, hat die Diskussion in Hamburg gezeigt, wie wichtig und fruchtbar der Austausch untereinander ist. Diesen Weg werden wir weiter gehen – in kleinen Schritten mit dem Wunsch nach einer grundsätzlichen Stärkung der Historischen Grundwissenschaften, die wir gerade auch für die digitale Welt für unverzichtbar halten.

 

Claudia Hefter (Potsdam) verfasst eine Zusammenfassung der Diskussion für HSozKult.

 

 

 

 



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