Erste Datenbank zu den Bischofssiegeln der Salzburger Metropole


Mit dieser Datenbank liegt erstmals eine umfassende Dokumentation aller bekannten bischöflichen Siegel dieses geographischen Raums vom ältesten erhaltenen Siegel des Salzburger Erzbischofs Friedrich I. (958-991) (Abb1.) bis in die Gegenwart, Erzbischof Franz Lackner (Abb. 2) vor. Die Siegel sind fotografiert, zum Großteil gezeichnet und nach den Methoden der Sphragistik beschrieben.

 

Ein Beitrag von Rudolf K. Höfer und Martin Feiner

 

Siegel sind nicht nur rechtserhebliche Beglaubigungsmittel, sie sind Geschichtsquellen und „können Kunstwerke hohen Ranges sein, aber natürlich auch bescheidene Arbeiten schlichter Handwerker“[1]. Das Siegel hat seinen Ursprung im 7. Jahrtausend v. Chr. als Eigentumszeichen. Die ältesten Funde von „clay sealings“ stammen aus Syrien zwischen 6300 und 6200 v. Chr. und „were used to seal containers like pottery and baskets“[2]. Der Gebrauch des Siegels erfolgte in seiner frühesten Form demgemäß als Verschlussmittel, indem es persönlichen Besitz als solchen kennzeichnete und sicherte. Siegel als Erkennungszeichen einer Person oder Institution, als Verschlussmittel von persönlichem Besitz oder Briefen im Schriftverkehr, als Beglaubigungszeichen von Texten, Gesetzen oder Urkunden haben eine lange Geschichte und Tradition mit einer breiten geographischen Streuung. Seine Funktion als Beglaubigungsmittel von Texten war bereits in Mesopotamien im 2. Jahrtausend v. Chr. gegeben[3]. „Ganz entscheidend, rechtserheblich und zahlenmäßig absolut dominierend ist aber die Funktion des Siegels als Beglaubigungsmittel“[4] im europäischen Hoch- und Spätmittelalter. Siegel sind aber auch Repräsentationsmittel, „die Wahl des Siegelbildes und der Inhalt der Umschrift, in der der Siegelführer sich mit seinen Titeln nennt, gewähren Einblicke in sein Selbstverständnis“[5]. Im Siegelwesen kommt den Bischofssiegeln aufgrund ihres hohen Alters und der reichen Überlieferung dabei eine grundlegende Bedeutung zu. Und hierbei nimmt das Salzburger Erzbistum aufgrund der geographischen Lage inmitten von Politik und Kunstwesen Europas eine bedeutende Stellung ein.

 

 

 

Grundlage der Datenbank stellen die zwei vom Austrian Science Fund (FWF) geförderten und aufeinanderfolgenden Forschungsprojekte „Die Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole“ dar: Projekt mit Nummer P22135 vom 1.3.2010 bis 30.6.2013 und P27122 vom 15.10.2014 bis 30.11.2017. Seit dem Jahr 2010 wird von Ao. Univ.‑Prof. Dr. Rudolf K. Höfer als Projektleiter und Mag. Martin Feiner als Projektmitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Graz am Institut für Kirchengeschichte an diesem Forschungsvorhaben gearbeitet. Das erste Projekt setzte die zeitliche Grenze der Erfassung der Siegel mit der Diözesanregulierung unter Kaiser Joseph II. im Jahr 1786. Für die Konfiguration der Datenbank hat Ao. Univ.-Prof. Dr. Georg Scheibelreiter als Projektmitarbeiter wertvolle Hinweise beigetragen. Vom Beginn an hat auch Ao. Univ.-Prof. Dr. Anneliese Felber durch Korrekturlesen das Projekt unterstützt. Das zweite Projekt brachte zeitlich die Weiterführung bis in die Gegenwart, einschließlich der bischöflichen Siegel der erst im 20. Jahrhundert in der Salzburger Kirchenprovinz neu errichteten Diözesen Innsbruck und Feldkirch. Das Forschungsvorhaben ist ein Desiderat, da bisher von Detailuntersuchungen abgesehen, keine umfassende Darstellung und Analyse der Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole vorliegt. Wollte man als interessierter Laie oder als Wissenschaftler die Entwicklung dieser Siegel studieren, war man damit konfrontiert verschiedene Urkundenbücher und einzelne Publikationen aufzusuchen, ohne jedoch ein umfassendes Bild zu bekommen. Konkret bedeutet dies, dass es zwar zahlreiche Publikationen zu den erzbischöflichen Siegeln bis Hieronymus Colloredo (1772-1812), zu den bischöflichen Siegeln von Seckau bis 1584 und Gurk bis 1278 gibt, die für einen geographischen und zeitlichen Raum ein dichtes Bild ergeben, doch sind diese nicht immer lückenlos, auch nicht nach einem einheitlichen sphragistischen Muster bearbeitet oder die Abbildungen von unterschiedlicher Qualität. Für eine große Zahl der in diesem Rahmen zu erforschenden Siegel fehlten eine zeitgemäße Bearbeitung nach sphragistischer Methode und ebenso qualitätsvolle Fotografien.

 

 

Für das Forschungsprojekt sind auch Zeichnungen der Siegel einbezogen worden, weil die fotografische Darstellbarkeit infolge des Erhaltungszustandes oftmals ungenügend ist. Sowohl in diesen Fällen – aber auch generell – vermag eine Zeichnung oft eine raschere Erkennbarkeit und Darstellung des Siegels zu vermitteln als ein Foto. Auch wenn Zeichnungen bis zu einen gewissen Grad interpretativ sind, wurde der Einbeziehung von Zeichnungen eine maßgebliche Bedeutung beigemessen. Ein wesentlicher Vorteil der Nachzeichnungen liegt zudem darin, dass mit ihnen der Zugang zu den Siegeln erleichtert wird, vor allem der breiteren Öffentlichkeit und HistorikerInnen der Regional- und Orts­geschichte. Die Zeichnungen wurden von Ludwig Freidinger als Projektmitarbeiter hergestellt.

 

Die im Projekt entstandene Siegelsammlung wurde vom Zentrum für Informationsmodellierung an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Graz (Leiter, Ass.-Prof. Mag. Dr. Hubert Stigler) als Internet-Datenbank aufgebaut. Mag.a Barbara Unger hat beim ersten Projekt das Formular der Datenbank erstellt, dann setzte Mag.a Martina Bürgermeister die Übernahme der Daten und Gestaltung der Homepage um. Das Zentrum für Informationsmodellierung beschäftigt sich seit 2001 in Forschung und Lehre ausgehend von den Kernbereichen des Digitalen Wissensmanagement und der Langzeitarchivierung mit Fragen der Annotationssprachen-basierten, semantischen Modellierung und erschließenden Repräsentation von kulturwissenschaftlichen Quellenmaterialien und Textkorpora in Digitalen Editionen. In einer Vielzahl von (auch FWF-geförderten) Kooperationsprojekten entstand dabei ein Digitales Archiv (http://gams.uni-graz.at), dessen Inhalte (von Bildsammlungen über linguistische Wörterbücher bis hin zu paläografisch erschlossenen Editionen mittelalterlicher Handschriften) auch unter EUROPEANA (http://www.europeana.eu), einem Langzeit-EU-Projekt zur Etablierung eines gemeinsamen Such­portals für das Kulturelle Erbe Europas, repräsentiert sind.

 

 

 

Mit der Datenbank zu den Bischofssiegeln der Salzburger Metropole wird den Forschern und einer breiten Öffentlichkeit ein Gesamtüberblick über die Entwicklung der Siegel dieses geographischen Raumes bis in die Gegenwart ermöglicht. Ein solcher Online-Katalog mit umfassenden Abfragemöglichkeiten war schon in der Vergangenheit ein Desiderat und wird zukünftig von noch größerer Bedeutung sein, vor allem für HistorikerInnen, ArchivarInnen und MitarbeiterInnen des Bundesdenkmalamts. Die Kenntnis der Siegel und ihre Einordnung hat Bedeutung für die lokale Geschichtsforschung und Dokumentation, zumal immer wieder Siegel in Verlust geraten. Des Weiteren bieten die wissenschaftlichen Untersuchungen interdisziplinäre Relevanz, von der entstandenen Siegelsammlung können die Historischen Hilfswissenschaften, die Kunst- und  Kirchengeschichte profitieren.

 

 

 

In der Übersicht der Datenbank sind die Diözesen nach ihrem Gründungsdatum geordnet. Jede Diözese enthält eine chronologisch geordnete Liste der Bischöfe, von der Sie zu den Siegeln der einzelnen Personen (Bischof, Elekt, Administrator, Weihbischof) gelangen können.

 

In der Erweiterten Suche können Sie nach diversen Kriterien selektieren. Sie können aber auch mehrere Felder für spezifischere Ergebnisse kombinieren, z.B. nur die Heiligensiegel der Salzburger Erzbischöfe.

 

Die Bearbeitung der Dokumente folgt der Methode der Siegelkunde (Sphragistik), die nach einem eigens für dieses Projekt erarbeiteten Schema die Siegel beschreibt: Siegelführer, Siegelart (Hauptsiegel, Kleines Siegel, Sekretsiegel, Signet, Rücksiegel), Datierung, Avers-Typ, Allgemeine Beschreibung des Siegelbildes und Heraldische Beschreibung, Form, Maße in Millimetern, Typ des Siegels (Abdruck, Abguss oder Stempel), Siegelstoff, Farbe, Befestigung, Zustand, Signatur, Literatur.

 

 

 

Über die digitale Archivierung hinausgehend wurden von Martin Feiner zwei Beiträge veröffentlicht, im Jahr 2013[1] eine zusammenfassende Studie der Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole, die einen Einblick zur Ausformung und Entwicklung von Siegelbildern der Bischöfe der Salzburger Metropole bis 1786 gibt. Im Jahr 2016[2] hat er einen Beitrag über die Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole in der Renaissance publiziert.

 

In einer weiterführenden Dissertation, die im Jahr 2018 eingereicht wird, versucht Feiner über herkömmliche Ansätze hinausgehend, die angesprochenen Siegel auch auf ihre Bildlichkeit und Stilprägungen hin zu untersuchen und zu kommentieren. Dabei werden Entwicklungen und Traditionen herausgearbeitet, wobei in Einzeluntersuchungen den innovativen Siegeln ein besonderer Stellenwert zukommt. Ziel der Arbeit ist die Analyse und Interpretation des in den beiden FWF Projekten gewonnenen Materials. Basierend darauf soll keine statistische Auswertung verschiedenster historischer Analysen geboten, sondern vielmehr die Entwicklung der Siegelgestaltung beschrieben und erörtert werden.

 

 

 

Mit dem Forschungsprojekt „Die Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole“ und der Präsentation der Siegeldatenbank wird ein Stück Grundlagenforschung vorgelegt, das auch als Impuls für weitere Forschungen auf diesem Gebiet wirksam werden kann.

 

 


[1] Rainer Kahsnitz, Historische Hilfswissenschaften und Kunstgeschichte, in: Historische Hilfswissenschaften. Stand und Perspektiven der Forschung, hg. von Toni Diederich–Joachim Oepen (Köln–Weimar–Wien 2005) 169. Im selben Beitrag hebt er hervor: „Siegel sind Kunstwerke eigenen Rechts und verdienen als solche das Interesse der Kunstgeschichte. Durch ihre gesicherte Datierung und die dichte Folge der erhaltenen Belege dokumentieren sie die stilgeschichtliche Entwicklung besser und verlässlicher als viele andere Werke“, 180.

[2] Kim Duistermaat, Administration in neolithic societies? The first use of seals in Syria and some considerations on seal owners, seal use and private property, in: Die Bedeutung der minoischen und mykenischen Glyptik, hg. von Walter Müller (Corpus der minoischen und mykenischen Siegel 8, Mainz 2010) 176.

[3] Enno Giele–Klaus Oschema–Diamantis Panagiotopoulos, Siegeln, Stempeln und Prägen, in: Materiale Textkulturen: Konzepte – Materialien – Praktiken, hg. von Thomas Meier–Michael R. Ott–Rebecca Sauer (Materiale Textkulturen 1, Berlin–München–Boston 2015) 555.

[4] Toni Diederich, Funktion, Typologie, Ikonographie und Bedeutung der Siegel im Mittelalter, in: Die Bedeutung der minoischen und mykenischen Glyptik, hg. von Walter Müller (Corpus der minoischen und mykenischen Siegel 8, Mainz 2010) 150.

[5] Rainer Kahsnitz, Einleitung zu „Siegel und Goldbullen“, in: Die Zeit der Staufer. Geschichte – Kunst – Kultur. Bd. 1, hg. von Rainer Hausherr (Stuttgart 1977) 17.



 

[1] Martin Feiner, Die Siegel der Bischöfe der Salzburger Metropole. Mannigfache Entwicklungen und

Traditionen erz- und bischöflicher Siegel von Salzburg, Gurk, Chiemsee, Seckau und Lavant. Carinthia I 203 (2013) 61-84.

 

[2] Martin Feiner, Die Siegel der Erzbischöfe und Bischöfe der Salzburger Metropole in der Renaissance. Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde 62 (2016) 373-406.

 



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