"Vade Mecum" - Ein Abendvortrag zum Nachdenken

Der Historikertag 2016 rückt immer näher und die Mitglieder der AHiG und des NHG stecken bereits tief in den Vorbereitungen für die große Diskussion.

Doch wo stehen wir eigentlich momentan? Was ist die Basis, die in den letzten Monaten erarbeitet wurde und auf deren Grundlage in Hamburg argumentiert werden soll? 

Wir geben euch einen Überblick.

Ein Beitrag von Claudia Hefter und Anne Sowodniok


Auf der diesjährigen Zusammenkunft des Netzwerkes für Historische Grundwissenschaften im April luden sich die Mitglieder Eva Schlotheuber, als Vertreterin der AHiG, für einen Abendvortrag ein. Für die Diskussion waren ebenfalls weitere Mitglieder der AHiG anwesend ebenso wie Publikum aus dem studentischen Bereich.

Da für das NHG auf diesem Treffen die Frage zu beantworten war, ob man sich der AHiG anschließen solle, bot dieser Abendvortrag eine gute Gelegenheit, sich über die Standpunkte und Ansichten beider Verbünde intensiv auszutauschen. (Ein ausführlicher Bericht zur Tagung ist auf dem Mittelalter-Blog erschienen.)

Einen passenden Einstieg bot dazu bereits das von der Referentin gewählte Thema.

Ihren Vortrag „Potential und Grenzen – die Historischen Grundwissenschaften in den Geschichtswissenschaften“ stellte sie unter die Leitfrage: Was verlieren wir eigentlich, wenn die Grundwissenschaften verschwinden? Sie gab dafür einen historischen Abriss über Entstehung und Entwicklung der Fächergruppe und unterstrich dabei deutlich, dass die Historischen Grundwissenschaften (HGW) eine eigene Disziplin mit einer eigenen Zielsetzung sind – eine Position, die in der regen Diskussion nach dem Positionspapier von Oktober letzten Jahres nicht jeder teilte! (eine Zusammenfassung gibt es hier)

Interdisziplinarität als Plus

Darauf schloss sich dann auch eine umfangreiche Diskussionsrunde an, die viele wichtige Aspekte nochmals beleuchtete:

So wurde hervorgehoben, dass es eine Stärke und Chance der grundwissenschaftlichen Fächergruppe sei, Brücken zu schlagen und epochenübergreifend zu agieren. Viel zu oft werden die HGW in das Mittelalter abgedrängt.

Darüber hinaus wurde von vielen Seiten betont, dass kein Antagonismus zwischen den HGW und den Digital Humanities herrschen sollte, sie können sich perfekt ergänzen, dürften andererseits aber auch nicht miteinander gleichgesetzt werden – ebenso wenig wie die Begriffe „Digitalisierung“ und „Digital Humanities“.

Der "Türöffner" zum historisch-kritischen Denken

Zudem war man sich einig darüber, dass die historische Ausbildung von Beginn an eng mit Originalquellen verbunden werden muss. Da es dafür auch entsprechender Grundkenntnisse im Umgang mit diesen Bedarf, scheint eine feste Verankerung im Lehrangebot unabdingbar. Für Interessierte ließen sich dann die Kompetenzen im Masterstudium vertiefen.

Studierende brachten zu dem vor, dass das gleiche auch für das Lehramtsstudium gelten müsse. Denn bereits im Geschichtsunterricht merkt man den Lehrern deutlich an, ob sie auch grundwissenschaftlich ausgebildet seien. Gerade die HGW könnten in der Schule als „Türöffner“ zum historisch-kritischen Denken dienen, machen Sie durch die Quellenbindung historische Ereignisse doch wesentlich realer.

Natürlich herrschte nicht immer Einigkeit unter den Gruppen. Gerade zum Ansatz der allgemeinen Stärkung der HGW wurde auch Skepsis geäußert, ginge der aktuelle Trend doch eher in Richtung „Globalisierung und Spezialisierung“. Ist es der richtige Weg die traditionellen Strukturen wieder herstellen zu wollen, wenn man den Anschluss an die internationale Forschung nicht verlieren will?

Die Geschichtswissenschaften in der "narrativen Krise"?

 

Schließlich kam die Frage auf, ob der Kern des Problems nicht viel tiefer läge. Nicht nur die HGW kämpfen um Mittel und Erhalt, sondern die gesamten Geschichtswissenschaften. Diese befänden sich in einer „narrativen Krise“, da sie für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger kaum noch relevant seien. Müsste man also zunächst wieder ein zeitgemäßes Bewusstsein für die Bedeutung der Geschichtsforschung für unsere Gesellschaft schaffen und welche Rolle würden die HGW dabei einnehmen? Gerade dieser Beitrag wurde auch im Netz weiter diskutiert (hier). 

Eva Schlotheuber schloss die Runde mit dem Appell, die Geschichtswissenschaft müsse sich öffnen und dürfe sich nicht den veränderten Verhältnissen verschließen. Erneut betonte sie, die Hauptfrage müsse sein, wozu die zukünftige Geschichtswissenschaft – in der Lehre, aber eben auch in der Forschung – befähigen solle.

Allerdings unterstrich Eva Schlotheuber auch, dass von der Ebene der Professorenschaft keine festen Antworten vorgegeben werden sollten, vielmehr sollte die Kursbestimmung in offener und enger Diskussion zwischen allen Beteiligten erarbeitet werden.

 

Auf dieser Grundlage starteten dann am nächsten Tag die Arbeiten am Positionspapier der NHG für den Historikertag.

 

 Wir warten mit Spannung.

 



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